Donnerstag, Oktober 26, 2006

Holbein der Jüngere - Zur Ausstellung der Tate-Galerie, London

Holbein in England

















A Lady with a Squirrel and a Starling
(1526-8) 56 x 38.8 cm, Öl auf Eichenholz


HANS HOLBEIN der Jüngere (1497 - 1543) wurde als Sohn eines angesehenen Malers in Augsburg geboren. Als hochbegabter Spross einer Malerfamilie aus einer Stadt mit vielfältigen Verbindungen zu Italien, fielen ihm die Kenntnisse und Errungenschaften der Hochrenaissance leichter zu als seinem genialen Zeitgenossen Dürer. Er ging jung in die reiche Stadt Basel, hatte dort große Erfolge in der Altarbild- und Wandmalerei und geriet in die Krise seiner Zeit: Die Reformation schüttelte die Stadt Basel. Verachtung und Verbot von Bilder-Malen bedrohten seine Existenz. “Die Künste erfrieren hier” schrieb Erasmus von Rotterdam an seine Freunde in England. HOLBEIN hoffte sein Brot in England zu verdienen. Mit 29 Jahren versuchte er es zum ersten Mal; er kam nach Basel zurück. Mit 35 Jahren sprang er zum zweiten Mal und hatte Erfolg: Anne Boleyn, eine der Frauen von Heinrich dem VIII. wurde gekrönt und HOLBEIN mit einem Bild beauftragt. 4 Jahre später war er “Kings’ Painter” von Heinrich dem VIII.! (1536)

Diese Zeit seines Wirkens stellt die Tate in London aus.

Was wird ausgestellt? Dazu muss man wissen, welche Aufgaben HOLBEIN als “Kings’ Painter” hatte: Portraits und noch mal Portraits - Die Zeit war versessen auf Portraits ihrer Gesellschaft! Und HOLBEIN konnte das, mit erlesener Beherrschung aller Mittel dieses Fachs!
Ausserdem war er Festausstatter seines königlichen Mäzens. Wieviele der Grössten sind das an den Europäischen Höfen gewesen! Ein praktischer Boden unter den Füssen schadet nicht. HOLBEIN entwarf Schmuckstücke, Tafelgeschirr, Waffen, Festgewänder, allen prächtigen Unsinn dieser prachtvollen Zeit.
Somit bietet die Ausstellung Portraits und nochmal Portraits; und einigen Zierrat, mit dem man nichts anderes anfangen kann als ihn einfach schön zu finden.

Ich ging mit einem guten Freund durch die Ausstellung. Einer kannte den anderen als spürsinnigen Beurteiler für die Qualität einer Ausstellung. Als wir uns in einem der Räume (9 !) begegneten, rief der spürsinnige Freund: “Ist das nicht phantastisch?!”. Ich antwortete spontan, ohne Abstand: “Wie langweilig!” Wir schauten uns verblüfft an – wie konnte es zu so einem gegensätzlichen Ersteindruck kommen? Hier lag etwas, dem man nachdenken musste. Große Maler machen keine Fehler im Hauptwerk. Der Fehler musste bei der Harmlosigkeit des Betrachters liegen. Was hatte ich nicht erkannt? Wo lag der Kunstwille des Malers, der mir als “langweilig” erchienen war?

Die vielen vorgestellten Portraits – mit hinreißend präzisen und leichten Vorzeichnungen für fast jedes Portrait. – zeigen sehr aufrecht sitzende, selbstsichere Männer und Frauen, fast immer im Brustbild, fast immer in gleicher Pose von links nach rechts am Betrachter vorbeischauend, die Hände ruhig aufeinander gelegt; ohne Bewegung des Körpers, ohne Bewegung der Züge; mit klarem Kontur messerscharf vor dunklem Grund, in photographischer Präsenz. Man könnte sie in ihrer Deutlichkeit aus dem Bild herauspflücken und sich mit ihnen unterhalten; aber sie reden nicht mit einem. Sie sind still für die Ewigkeit. Kein Requisit um sie herum deutet auf ihre innere Geschichte. Sie sind nur da.
Soll man sich da nicht langweilen?
In starkem Kontrast zu den distanzierten, bescheiden zurückhaltenden Gesichtern stehen ihre Kleider. In wunderbarer Stofflichkeit präzisiert HOLBEIN alle Samte, Damaste, Leinen, Seiden, Falten, Ketten, Perlen; Punkt für Punkt genau. In feinsten Farbabstufungen dominieren Grau-, Schwarz-, Dunkel-Töne in einer Kostbarkeit, die die hellen Gesichter in einen Rahmen von Emailglanz stellt.
Dazu konnte man nur sagen: “Phantastisch!”


















Richard Southwell (1536) 47.5 x 38 cm, Öl auf Holz

Wo lag der Wille, – denn jeder große Maler folgt verborgen im Werk seinem Kunstwillen und nicht einem Fehler –, der zu unseren beiden unterschiedlichen Eindrücken geführt hatte?

Der kleine Ausstellungsprospekt, der in der Tate auslag, legte eine Spur.
(Prospekt-Zitat:) “HOLBEINs’ Portraits wurden in ihrer Zeit dafür gefeiert, daß sie die Illusion von Anwesenheit der dargestellten Person vermittelten. Die Humanisten der Renaissance verglichen ihre zeitgenössischen Maler mit den großen Künstlern der Antike. Diese hatten vermutlich gedacht, daß Menschen – und sogar Tiere und Insekten – in ihren Werken zu realen Gegenständen würden.”

Tatsächlich war für das mythische Denken der Antike ein Apoll von Belvedere keine Statue, sondern, wenn er fertig war, der Gott selbst, den man anbetete. Beim Bilden der großen Kunstwerke griff der Gott selbst ein.
“Singe mir, Muse, den Zorn des Achill!” beginnt Homer seine Ilias. Die Muse musste dem Künstler helfen, in seinem Gesang von den längst vergangenen Dingen die Wahrheit zu sagen. Vergegenwärtigung des Unsichtbaren und Heiligen war das magische Werk der Kunst.

Ein Stück Glaube an diese magische Vergegenwärtigung im Kunstwerk blieb bis in 17. Jahrhundert lebendig. Braut-Bilder – wie bei Heinrich dem VIII. – wurden hin und her geschickt vor einer Heiratsentscheidung, in dem sicheren Gefühl, mit dem zugesandten Bild ein Stück Körperlichkeit und Anwesenheit des Abgebildeten in Händen zu halten.
Für uns Heutige ist diese Vorstellung unvorstellbar; seit dem 18. Jahrhundert genießen wir in der Kunst etwas Ästhetisches, nicht etwas Magisches. Die Aufklärung hat das verändert.
Ein Verständnis für magische Vorstellung gelingt noch, wenn wir an den Katholischen Kult denken, in dem sich ein Stück Hostie bei der “Wandlung” in einen gegenwärtigen Leib verwandelt.
Oder noch ein letzter Rest: Versuchen Sie, das Passbild eines Familienangehörigen zu zerreißen; Sie werden eine Sekunde zögern. Solche “Passbilder” hat HOLBEIN wohl von den hochgestellten Persnlichkeiten erstellt. Sie wissen selbst, daß nicht jede Aufnahme als Passbild akzeptiert wird: man darf darauf nicht kauen oder einen Ball in die Luft werfen, sondern man muss eine ruhige Stellung einnehmen, die nicht nur für einen Augenblick, sondern für immer gilt, solange Sie da sind. So ein Passbild schafft also eine Art genaue Ewigkeit für eine Person.
Hier liegt der Punkt: Ruhige Präsenz zwecks Ewigkeit.
Noch einmal ein Zitat des TATE-Prospekts:”Vor allem sind HOLBEINs’ Portraits still: Gesten oder Bewegungen könnten zu leicht Augenblicks-haft erscheinen; damit wäre die Illusion der immerwährenden Präsenz verdorben”.

Deshalb hatte ich mich also “gelangweilt”: Die immer gleichen, Bewegungsfreien, beherrschten, schlichten Stellungen, die präzisen Züge ohne den Charme einer momentanen Emotion, die feinen Hände ohne jede Aktion, hatte ich in ihrer Bedeutung nicht erkannt.
Ihre Bedeutung war, mit dieser puren Präsenz für die dargestellte Person die Illusion von Dauer zu schaffen.

Wer möchte nicht Dauer haben, der Augenblicklichkeit entrinnen, unsterblich scheinen; Nicht nur der Herrscher selbst, dieser selbstherrliche Heinrich der VIII., sondern alle, die etwas auf sich hielten, der ganze Hof, alle diese Adeligen, bei denen HOLBEIN deshalb so beliebt war.
Dieser baumstarke autoritäre König auf dem späten kleinen Portrait, das den Rahmen um ihn so eng setzt, daß er dem Betrachter entgegengepresst wird, hat wohl befriedigt gesehen, daß HOLBEIN ihm damit unsterbliche Gegenwart verschafft hat.

Und noch einer war aus auf Unsterblichkeit, mit seinem Kunstwillen: HOLBEIN selbst, der Künstler. Es ist die Magie des Künstlers, zu schaffen, was nicht vergeht, was den 80 Jahren unseres Lebens nicht unterworfen ist, was ewig bleiben kann. Jede Künstler-Generation hat ihre Mittel für diese Magie erforscht. Sein Mittel für die Magie, Dauer zu illusionieren, hat HOLBEIN mit der STILLE seiner Portrait-Kunst gefunden.
Ich hatte diese Stille dummerweise mit Langeweile verwechselt.