Dienstag, Dezember 19, 2006

Pablo Picasso - Fragen an ein Bild des Spätwerks

Das Unglück kommt von rechts























Homme debout
(1969) 195 x 130 cm, Öl auf Leinwand


Bis Frühjahr 2006 zeigte das Museum Frieder Burda in Baden-Baden 30 Gemälde aus den 12 letzten Lebensjahren von PICASSO (1961-1973). Das o.a., überlebensgroße Gemälde entstand 1969, knapp vier Jahre vor seinem Tod. Eine Ausstellung seiner letzten Werke in AVIGNON, 1972, hatte auf das Publikum wie auf die Fachwelt wie ein Schock gewirkt. Das Jahrhundertgenie hatte jede ästhetische Formung von Kunst beiseite gefegt.

PICASSO produzierte in manischer Folge – allein zwischen 1970
und 197
2 fast 400 Gemälde – zum Primitivistischen tendierende Darstellungen, die Linie und Kolorit schmerzhaft angreifen und obszöne Inhalte wütend aufdrängen. Die Gemälde in Baden-Baden belegten den grellen, oft rohen Tenor der letzten Schaffensjahre, die von einem wütenden Willen zur Destruktion gekennzeichnet sind.

Eines unter diesen Bildern ist davon kaum berührt:
“Der aufrecht stehende Mann” Homme debout (1969)

Das Bild wirkt auf den ersten Blick fast harmlos, einer Kinderzeichnung ähnlich. Es besitzt den primitivistischen Charakter, die Strichmännchen-Manier. Was es nicht besitzt, ist die Destruktion in Form- und Kolorit-Gestaltung. Die Gesamtkomposition des Bildes wirkt, wenn man von seinem Inhalt absehen kann, klassisch.

Die Figur, der aufrecht stehende Mann, besetzt mit der Mitte seines Körpers den Mittelpunkt der Bildfläche. Vom Rumpf ausgehend überspannen Kopf, Arme und Beine in einer geometrischen Figur sternartig die Bildfläche mit einer ausbalancierten Verteilung der entstehenden Flächensegmente.
Der Kolorit ist das Gegenteil von grell oder roh. Die verwendete Palette wird dominiert von fahlen Weißtönen bis zu einem leichten, stum
pfen Blau. Das Irritierendste im Bild ist die gewählte Pose der Bewegung. PICASSO hat unter den unbegrenzten Erfindungen seiner lebenslang probierten Stilmittel nie das der abstrakten Gestaltung verwendet: PICASSO sagt, was er malt.

Was also sagt er im Bild?
Das Bild ist die Darstellung einer Abwehr. Der recht Fuß steht
wie ein Monument auf dem Boden; der linke Fuß stemmt sich,
noch monumentaler, gegen den Bildrand. Der im Vergleich mit dem kleinen Kinderrumpf große Kopf trägt nach Art der antiken Karyatiden, der Gebälkträgerinnen am Tempel, den oberen Bildrand.

Kopf und Standbein bilden eine massive Säule im Bild.
Hier steht einer der nicht weicht.

Dabei hätte er Grund dazu. Von seinen beiden Armen ist der linke amputiert, abgetrennt bis auf die Knochen; der rechte Arm hängt nicht mehr am Rumpf, hängt irgendwo im Leeren. Im Kontrast zu der klassisch ausgewogenen Bild-Komposition steht als Bild-Inhalt ein schwer verwundeter Mann. Seine Körperlichkeit ist auf Linearität und geometrische Fläche reduziert; der eigene Leib mit Muskeln und Fleisch ist ihm genommen. Der fahle Körper-Kolorit signalisiert schwindendes Leben. Nur der Kopf behält Volumen durch PICASSOS Eigentümlichkeit der Koppelung von Profil- und Frontalansicht. Wie eh und je blickt daraus das Auge scharf, stechend und lebendig hervor. Und zwar in zwei Richtungen: In der Frontalansicht sieht das Auge den Betrachter offen an; eine rauhe und herbe Abwandlung des Ecce Homo. In der Profil-Ansicht starrt das Auge, bei zusammengepresstem Mund, dem rechten Bildrand entgegen. Von daher muß das Unglück kommen.

Mit äußerster Kraft stemmt sich der Riesenfuß rechts gegen die offene Flanke im Bild, wo schon sein abg
erissener Arm dem Verderben anheim gefallen ist. Der typisierte Kopf des Malers, aus unzähligen Varianten seines Motivs “Maler und Modell” bekannt, blickt mit Mut und äußerster Wachsamkeit gegen die Richtung seines letzten Feindes. PICASSO ist 88 Jahre alt. Er stemmt sich mit aller Macht gegen den Tod. In diesem Bild sichert ihm sein Genie, seine enorme Bildkraft, die noch für die äußerste Situation eine große, klassisch ruhige Gebärde findet, sein Überleben zu.



















Tête
(1972) 66 x 50.2 cm, auf Papier
Drei Jahre später hat das Entsetzen ihn besiegt. Die Farbe ist wiedergekehrt; aber es sind die Leichenfarben der schwazlila-roten Töne im Weiß des Leichentuchs. Die Augen im Schädel starren der Wahrheit entgegen. Aber das Format seines Abbilds füllt das Blatt bis an den Rand. Die Größe ist geblieben.