Sonntag, Februar 04, 2007

Die Loreley - Fragen an Heines' berühmtestes Gedicht

... Wüssten Sie es?


















Die Loreley
1823, von Heinrich Heine (1797 - 1856)

Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließet der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldenes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabey;
Das hat eine wundersame
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh’.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende noch Schiffer und Kahn;
Das hat mit ihrem Singen
Die Loreley getan.


Gedichte sind nicht ‚in’. Wer von uns heute Gedichte liest oder welche behält, die er gelesen hat, gehört gewiss zu einer Minderheit. Der einmal bewunderte Fundus deutscher Gedichte ist weithin vergessen. Es gibt vielleicht nur eine wirkliche Ausnahme: die erste Strophe aus HEINES ‚Loreley’. Fast jeder von uns kennt diese ersten Zeilen: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin?...“

Das Gedicht stellt eine Frage, die bis zum Schluss nicht aufgelöst wird.
Das Gedicht erzählt zwar eine Geschichte; die nennt aber nicht den Grund, warum der Erzähler traurig ist. Den muss der Leser finden, da ihn ja der Erzähler offenbar selbst nicht weiß. Wie in vielen Gedichten ist die Lösung irgendwo in den Bildern der Verse verborgen.
Wo? Man kann auf die Suche gehen.

Zunächst fällt auf, dass der Dichter dieses melancholischen Liedes – denn zu dem ist es geworden – sehr jung war; nämlich 26 Jahre alt, als er es geschrieben hat. Er hat bis dahin schon allerlei Schwierigkeiten erfahren. Geboren am Rhein in Düsseldorf wird er als Kleiner wegen seiner jüdischen Abkunft gehänselt. Aus dem eher bescheidenen Elternhaus schickt ihn die Mutter in die luxuriöse Welt seines Onkels in Hamburg, der es dort zu einem schwerreichen Bankier gebracht hat und ihn großzügig in die Familie aufnimmt.

HEINE soll sich in den Kontoren des Onkels zu einem tüchtigen Kaufmann ausbilden. Neben allerlei kaufmännischen Ungeschicklichkeiten verliebt er sich in die verwöhnte Tochter des Hauses. Das geht schief und lässt ihn ahnen, dass er zu der großbürgerlichen Welt des Handels und des Luxus keinen Zutritt hat. Aber gerade nach dieser luxuriösen Welt der Großbürger sehnt er sich. Der Onkel weiß Rat und lässt HEINE mit 21 Jahren seine eigene Manufakturwarenfirma gründen. Diese geht nach einem Jahr Pleite. Der einsichtige Onkel zahlt ihm ein halbherzig absolviertes Jurastudium, das er tatsächlich mit 28 Jahren abschließen wird,
ohne daraus einen juristischen Beruf machen zu können.
Zwei Jahre zuvor (1823) schreibt er sein berühmtestes Gedicht.
Hat dieses Gedicht mit seinem bisher schwierigen Leben zu tun?

Hinter ihm liegen die gescheiterten Versuche, seinem Leben die Struktur einer angesehenen, bürgerlichen Existenz zu verschaffen.
Er ist verletzt. In einem lyrischen Augenblick gibt er offenbar seiner Verletzung Ausdruck. Trotz seiner Traurigkeit steht am Anfang des Gedichtes ein durch die Position betontes, herausforderndes Ich. Am Anfang der letzten Strophe steht das gleiche Ich in der betonten Position und legt eine Ich-Klammer um das ganze Gedicht. Man soll wohl spüren, dass hier einer spricht, dem es vorzüglich um sich selbst geht und weniger um die erzählte Geschichte.

Eingeleitet wird die Geschichte mit einer Skizze der meteorologischen Situation: es ist kühl, halbdunkel und ruhig; eine auffallend undramatische Stimmung. Mit dem Verb ‚funkeln’, das schon dem poetischen Sprachgebrauch angehört, tritt das Märchen ein in die Geschichte. Das Erzählen des alten Märchens handelt HEINE in drei Strophen ab; der Romantische Dichter BRENTANO hatte für dieses Märchen 25 Strophen aufgewendet. HEINE erzählt nicht das Märchen, sondern reduziert es auf das Skelett der alten Erzählung: Eine ‚schönste’ Jungfrau sitzt da oben und kämmt ihr Haar, kämmt es nochmal und singt ein Lied dabei. Zum Klischee wird das Geschmeide, der goldene Kamm und das goldene Haar hinzugefügt. Dem tradierten Bild der Jungfrau fügt HEINE nur eine einzige unironische Qualität hinzu: Sie singt ein ‚gewaltiges’ Lied. Es erscheint, als würde hier in den distanzierten, kühlen Ton des Gedichtes ein emotionaler Druck gebracht, der korrespondiert mit dem gleichen Druck in der nächsten Strophe, dem ‚wilden Weh’ des Schiffers.

In diesen drei Eigenschaften ,‚gewaltig, wild, weh”, scheint die Erregung des erzählenden Ich aus dem Märchen herauszutreten, dem Hörer entgegen; wobei man sich kaum wehren kann, in dem erzählenden Ich den Dichter selbst zu sehen. Nach dem kurzen erregten Höhepunkt des Gedichtes beschreibt sich der Dichter in dem vorigen distanzierten Ton, wie er hinaufschaut zu dem Wundersamen und nicht hinschaut auf das Gefährliche. Die erwartete Katastrophe unterdrückt Heine vollständig.

In der letzten Strophe tritt das Ich des Dichters voll heraus und beschreibt seine Einschätzung für die Lage des Schiffers: er macht damit die Vorhersage für sein eigenes Leben. Er wird der gewaltigen Melodie folgen. Die Loreley ist ihm nichts anderes als das modernere Bild der alten Musen, der Poesie. Am Bild der Lorelei beschreibt er den Grund für seine Traurigkeit: Die Poesie wird ihn ergreifen, verschlingen, die einzige Aufgabe seines Lebens sein. An den Klippen der Realität wird er scheitern. Der 26-jährige Dichter sieht im Augenblick einer lyrischen Melancholie die Richtung seines Lebenswegs vor sich. Die frühe Voraussicht hat HEINE auf seinem Sterbebett aus der Realität seines Lebens bestätigt:

“Aus mir ist nichts geworden, nichts als ein Dichter.“


Das Märchen von der Loreley braucht HEINE in seinem Lied nur als Vehikel, um seine Lebensahnung ins Gedicht zu transportieren. Der Loreley-Stoff gefällt ihm Er wird ihm zur Metapher für das Problem, um das es ihm, dem Dichter, geht: um die Macht der Poesie. Sein Ich steht dabei stabil am Anfang und am Ende des Gedichts; dieser Macht ist er gewachsen.

Der Ton des Liedes wird bestimmt durch den bezaubernden Schwebezustand zwischen Nichtwissen und Ahnen. „Ich weiß nicht“ führt ein; „Ich glaube“ führt hinaus. Wie kann er wissen, da er noch am Anfang des Lebens steht; und wie genau ahnt er, wie es „am Ende“ wirklich ausgeht: Er ist ein Dichter geworden; seine frühen Träume haben sich dabei nicht verwirklicht. Der Konflikt zwischen seinen Träumen als Bürger und seiner Realität als Dichter hat den Einfall für sein berühmtestes Gedicht gegeben.

Und warum fallen UNS diese Verse so leicht ein? Warum wurden sie seit 200 Jahren nie aus dem Gedächtnis unserer Sprache getilgt - worum sich Machthaber reichlich bemüht haben – und werden mindestens fortdauern, solange die Rheinschifffahrtsdampfer an der Lorelei vorbeifahren? Vielleicht, weil es die Gabe des Dichters ist, an seinem Schicksal für unsere unklaren Traurigkeiten einen schönen Ausdruck zu finden. Weil uns dieser Ausdruck im Gedicht so schön klingt, muss in ihm wohl die Fähigkeit stecken, uns gut zu tun.
Gedichte sind nicht ‚in’, aber sie tun gut.