Dienstag, April 10, 2007

OTTO DIX (1891–1969) Triptychon „GROßSTADT“

Ein Andachtsbild?










Otto Dix "Großstadt" (1927-28) 181 x 402 cm, Mischtechnik auf Holz

Das „Großstadt“-Triptychon von OTTO DIX ist eines der größten, farblich schönsten und freudigsten Gemälde aus dem Oeuvre dieses rabiat die Wirklichkeit entblößenden Malers. Das Bild hängt im Kunstmuseum Stuttgart und ist ein Meisterwerk.
Das Bild t
rägt zwei bedeutungsvolle Bezeichnungen; es ist betitelt als „Großstadt“ und ist geformt als TRIPTYCHON.

Damit stellen sich zuerst zwei Fragen:
- Warum heißt es „Großstadt“, wo von Stadt wenig zu sehen ist?
- Warum ist es als Triptychon gestaltet, die Form eines
mittelalterlichen Altar- und Andachtbildes?


Die erste Frage ist leichter beantwortet als die zweite:
Das Bild ist offensichtlich nicht das Abbild einer Großstadt, sondern behandelt das Lebensgefühl einer Großstadt in einer bestimmten Zeit. DIX hatte vor Entstehen des Triptychons zwei aufregende, fruchtbare Jahre in Berlin verbracht (1925-27). Zuvor hatte er Anfang 1925 eine entscheidend anregende Reise nach Florenz gemacht, wo ihn die manieristischen Maler der Renaissance künstlerisch herausgefordert hatten. Beide Sc
hauplätze werden für den Inhalt und für die Maltechnik des Triptychons bedeutend.

Für den Inhalt des Bildes steht das Berlin-Erlebnis. Mit Abklingen des Inflationsschreckens hatten sich dort zwei extreme Gesellschafts- gruppen voneinander entfernt: Die Gruppe der sich unverschämt darstellenden Gewinnler und die größere Gruppe der verschämt
Verelendeten. Beide Gruppen bilden das Personal des Triptychons.
In dem beherrschenden Mittelflügel des Bildes br
eitet sich, horizontal betont, der Ballsaal der 20-iger Jahre aus. Mit allem Neureichtum ausgestattet stellen sich die Gewinner einer zerstörten Lebensordnung zur Schau. In den beiden Seitenflügeln tritt das Elendspersonal von DIX auf, die Krüppel und Huren als seine Metaphern der grotesk zerstörten Unterlegenen. Die Perspektive wechselt in die extrem steile Vertikale.

In dem linken Seitenflügel drängt der mit Flitter behängte Lumpenzug nach oben, einem verlockend erleuchteten Etablissement entgegen. Entsetzt starrt der Krüppel mit den Zügen von DIX dem Zug nach. Neben ihm kläfft der schwarz- gefleckte Höllenhund. Eine trostlose Eisen- und Backstein- Architektur beherrscht die Stimmung. Die Gesichter der stöckelnden Damen auf dem groben Kopfsteinpflaster wirken exaltiert und erwartungsvoll.

Im rechten Bildflügel kehrt der Zug von oben wieder zurück in ein völlig verändertes Ambiente. Eine Schein-Barockarchitektur von grotesker
Instabilität und Protzigkeit türmt sich auf. Der herabkommende Zug der Halbwelt-Damen ist eleganter ausstaffiert als auf dem linken Bildflügel. Sie schreiten auf einem Boden, der weiß und weich ist wie Watte oder Wolken. Die Gesichter erscheinen dabei merkwürdig freudlos; der erregte Ausdruck aus dem linken Bild-Flügel hat sie verlassen.

Den linken Bildflügel prägt die aufgedonnerte Armut, den rechten ein verführerischer Talmi-Reichtum, den Mittel-Flügel der Hedonismus einer Spaßgesellschaft. Die 3-teilige Bildkomposition erschließt sich dem Betrachter ohne weiteres als eindringliche Gestaltung einer scharfen Sozial-Anklage.

- Hat man damit das Bild wirklich erfasst?

Man nähert sich der zweiten
Frage, weil bei näherer Befragung des Bildes Widersprüche auftreten. Wie verträgt sich eine Sozialanklage mit dem überreichen genussvollen Spiel der Farben und Formen, das DIX in dem Triptychon entfaltet? Der Maler scheint sein Thema vergessen zu haben und schwelgt meisterhaft durch die Zitate der Kunstgeschichte. Er verarbeitet die Erinnerungen der Italienreise. Seine vollkommene Beherrschung der altmeisterlichen Lasur-Technik gibt dem Kolorit des Triptychons einen Juwelenhaften Glanz. Die überscharfe präzise Erfassung von Details modelliert die Körper als Plastiken im Bild. In Italien hatte DIX Bronzino, einen Florentiner Maler der Spätrenaissance bewundert. In seinem Gemälde stellt sich DIX mit dem herrlichen goldgewirkten Brokatstoff, der sich unmotiviert von rechts ins Bild bauscht, dem Bronzino gleich. Im Triptychon wird mit Hingabe das große Handwerk des schönen Bildermachens betrieben.

Das treibt den Betrachter weiter zur Entschlüsselung von Details. Was geht hier vor? Wer ist die Haupt-Figur? Warum schmiegen sich an den Fuß der hochaufgerichteten, androgynen Gestalt im Mittelflügel die plissierten Stoffbahnen wie Flügel? Der schlanken knabenhaften Figur fehlt das Groteske, das die übrigen Figuren des Mittelbildes ironisiert.

Hier tritt ein Hermes ins Bild, der statt seines Zauberstabs die luftige Federboa schwingt. Auf dem Parkett wird Platz gemacht für den Gott. Das Tänzerpaar mit den grotesk verrenkten Beinen weicht aus, mit scheuem Seitenblick der Tänzerin auf die Erscheinung. Diese wird begrüßt vom Tusch der Saxophone. Der kahlköpfige Saxophonist scheint der einzige zu sein, der den Boten aus einer anderen Welt erschrocken und hingerissen erkennt. Dieser geflügelte Bote ist das Zentrum des Triptychons. Mit ihm wird das Bild zu einer Apotheose der Schönheit und der Kunst, die als Person des antiken Mythos aus einer anderen Welt in die gemeine Gesellschaft der Gier und des falschen Reichtums eintritt.

Das Triptychon entschlüsselt sich als stets sich wiederholendes Welttheater. In den beiden Seiten-Flügeln durchquert die immer beschädigte Menschheit die Höllen der Leiden und der Gier. Im linken Bildflügel lockt nicht das Licht der Bordelle, sondern das Feuer der Hölle hinter den Fenstern. In der offenen Tür am oberen Bildrand empfängt eine schwarz Verhüllte die Ankommenden und führt sie wohl, hinter dem Mittel-Bild herum, zum Herrn der Hölle, der fetten Barbusigen im rechten Bild-Flügel. Dort ist alle Scheinpracht der Welt geboten. Die reicher gewordenen Schönen treten ein in die Welt der Verführung und verlieren ihre Freude. Die vorderste Figur des herabkommenden Zuges ist in einen roten Mantel gehüllt, den ein langer, ovaler Pelz einrahmt, der vorsichtig die kreisende Geschichte des Bildes anzeigt: Die Vagina ist Ursprung der menschlichen Geschlechter, die dem Kreislauf von Gier und Enttäuschung seit je unterworfen sind und der immer von neuem beginnen wird.

Seine Lösung entfaltet DIX im großen Mittel-Flügel. In eine immer heillose Welt tritt die Schönheit als entzündender Bote aus einer Ordnung, die hinter dieser Welt als heilendes Muster geahnt wird.
Darum ist das Triptychon kompromisslos schön, obwohl es auf seiner ersten Ebene eine verzweifelte Anklage ist. Auf einer tieferen Ebene erweist es sich schließlich als TRIPTYCHON, als Andachtsbild vor dem ewigen Schönen, dem Gott des Künstlers.

Die zweite Frage, warum die Form des Triptychons gewählt wurde, scheint gelöst.

Es lohnt den Zeitaufwand, nach den verschiedenen Ebenen eines Kunstwerks zu suchen.
Eine Mehrschichtigkeit an Ebenen besitzt jedes gelungene Kunstwerk. Oft ist es Glücksache, sie zu finden oder es gelingt gar nicht. Für keine erspürte Lösung gibt es dabei eine Beweisbarkeit. Die muss der Zustimmung der anderen überlassen bleiben. Im maximalen Fall gibt es Belege durch Vergleiche mit dem, was man bereits gesehen hat. Aber wenn man zu einer weiteren Ebene eines Kunstwerks vorstoßen kann, ist der Genuss an der Kunst bedeutend höher. Der befragende Betrachter wird zum “Mitschöpfer” des Künstlers. Er wird kreativ.