Freitag, Februar 01, 2008

WILLIAM SHAKESPEARE (1564 – 1616) Fragen an sein letztes Stück

Waren Sie schon mal im Sturm?





















Vielleicht nicht. SHAKESPEARES letztes Drama “DER STURM” wird in Deutschland nicht häufig aufgeführt. Das wird Gründe haben. Das Stück ist ein Zaubermärchen und atmet Tiefsinn. Es ist es nicht so heiter turbulent und bezaubernd wie der ‚SOMMERNACHTS-TRAUM’, sondern eher ernst und altersweise. SHAKESPEARE schrieb das Stück fünf Jahre vor seinem Tod. (ca.1611)

Wie ist das Leben Shakespeares bis dahin verlaufen?

Darüber weiß man viel zu wenig. Kaum eines anderen großen Dichters Biografie zeigt so viele Unbekanntheiten wie die Shakespeares. Man weiß genau, dass er 1564, in der Epoche der Großen Elisabeth der I., in Stratford on Avon in der lieblichen Natur Südenglands geboren wurde. Mit 18 Jahren war er dort verheiratet, mit 21 Jahren hatte er in dieser Ehe drei Kinder und um sein 24. Jahr erscheint er auf einmal in London, während sich in seiner Heimatgemeinde jede Spur von ihm verliert.

Ungefähr 26-jährig taucht er den Quellen nach als Schauspieler an einem Theater auf, das sich erst kurz zuvor als erster fester Theaterbau in London etabliert hatte und wohl gleich Stücke von ihm aufführte, in denen er selbst mitspielte. So blieb es. Er spielte und schrieb in den nächsten 20 Jahren 36 Stücke der Weltliteratur. In seinen 40-iger Jahren erwarb er sich mit geschicktem Geschäftssinn aus dem Erfolg seiner Theaterstücke ein stattliches Anwesen in Stratford für seinen allmählichen Rückzug aus London. Er war wohl müde nach einer unvorstellbar produktiven und strapaziösen Theaterlaufbahn, die ihn als Patron einer Königlichen Schauspieltruppe bis an den Thron von Jacob, dem I. geführt hatte. In London führte er 1613 als letztes Stück den STURM auf und betrat London nicht wieder. 1616 starb er in seinem 53. Lebensjahr in Stratford als wohlhabender Gentleman.

DER STURM ist also Shakespeares Alterswerk. Das merkt man. Der überragende Held seines Stückes, PROSPERO, ist ein Mann fortgeschrittenen Alters und fortgeschrittener Weisheit , wie Shakespeare.

Ist das Stück sein Vermächtnis?

Steckt in dem Zauberstück, in einem Märchen fern jeder Realität, eine Erkenntnis, die er aus seinem Leben gewonnen hat und der er eine Gestalt geben will? Diese Frage stellt sich.

Der Inhalt des Stückes ist erzählbar, wenn auch verrätselt:

PROSPERO; der Held, ist der Herzog vom reichen Mailand. (Kein Ort in dem ganzen Stück ist geographisch. Alle sind Märchen-Orte. Der Barock, das Zeitalter der Entdeckungen von neuen Welten, hat mit Namen der Geografie vor allem die Phantasie angeregt.)
PROSPERO sucht und findet als Herzog Weisheit in seinen Büchern und überträgt in brüderlichem Vertrauen seinem Bruder ANTONIO die Staatsgeschäfte. Es kommt, wie es kommen muss. Den Bruder packt der Ehrgeiz; er verbündet sich mit dem KÖNIG VON NAPEL (Neapel) gegen seinen Bruder PROSPERO.

Gemeinsam fangen sie den angestammten – zugegebener Maßen etwas Welt-abgewandten – Herzog PROSPERO und seine kleine Erbin MIRANDA ein und setzen die beiden in einem verrotteten Schiffchen aufs Meer aus, dem Schiffbruch überlassen.

In das Schiffchen hatte ein alter treuer Rat dem Herzog PROSPERO ein wenig Proviant und „Bände aus seinem Büchersaal“ hineingeschmuggelt. Wunderbarerweise stranden der Herzog und seine kleine Tochter unversehrt auf einem menschenleeren Eiland.

Nun entfaltet sich die Macht der Bücher: PROSPERO zeigt sich auf seiner Insel als weiser Magier, der die Zukunft, die ferne Vergangenheit und weit entfernte Orte sieht und dem ein Luftgeist, ARIEL, zu Diensten steht. Der Luftgeist kann alles, was dem Menschen Mögliches oder Unmögliches einfällt, auf der Stelle ausführen.

Hier wird der Leser wachsam. Wer ist es, der Zukunft, ferne Vergangenheit und weit entfernte Orte sieht? Wer hat einen luftigen Geist zur Verfügung, der blitzschnell alles ausführt, was man sich gerade denkt?

Wer ist ein Magier?

Der Dichter! Er kann unbekannte Welten vor seinem inneren Auge sehen und sie für uns erschaffen, und sein Diener ist die Phantasie. So einer ist also PROSPERO und er verwendet seine Gabe für ein aufregendes Experiment, das er uns vorführen wird.

Als der treulose Bruder ANTONIO mit seinem neuen Freund, dem König von Napel und dessen Bruder eine reich ausgestattete Schiffsreise nach Tunis(!) zur Hochzeit einer Tochter unternimmt, sendet PROSPERO den Luftgeist ARIEL aus, seines Bruders Schiff im tobenden STURM zu versenken. Mit dem Heulen des Sturms und den wütenden Schreien der Männer, die ins Meer stürzen, beginnt das Stück.

Die 2. Szene heißt „Die bezauberte Insel“. Auf der sitzt PROSPERO und hört sich nach dem vollbrachten Auftrag den Bericht seines ARIEL an:

„Mein wackerer Geist! Wer war so fest, so standhaft,
dem der Aufruhr nicht die Vernunft verwirrte?“

AR.:Keine Seele, mein Herr....
Der Sohn des Königs, sein Haar emporgesträubt wie Binsen,
sprang vor den anderen, schrie: ‚Die Höll’ ist los, und alle Teufel hier!’„

PROS.: „Ei lieber Geist! Dies war doch nah am Strand?“

AR.: „Ganz dicht, mein Meister!“

PROS.: „Sie sind doch unversehrt?“

AR.: „Kein Haar gekrümmt, kein Fleck an den getragenen Gewändern, die frischer wie zuvor! Wie Du mich hießest...“

Nun ist der Leser mittendrin in dem Experiment des Dichters PROSPERO.

PROSPERO erschafft (..mit seiner Phantasie, mit ARIEL) eine Konstellation, in der er die treulosen Männer erst in Todesgefahr versetzt und sie dann auf wunderbare Weise auf seine Insel rettet und dort frei herumlaufen läßt. Dort beobachtet er sie nun. Was werden sie tun? Was er prüfen will, ist ihr künftiges Verhalten, nachdem sie dem Tod entgangen sind. Haben sie nach dem Todesschrecken, der sie geschüttelt hat, etwas gelernt? Hat sich ihr Charakter gereinigt, zur Einsicht hin verbessert?

Ihr Wesen und Charakter haben sich nicht verbessert. Kaum haben sie wieder festen Boden unter den Füßen, stolz gehüllt in ihre kostbaren Kleider, an denen der Zauber jede Spur der Katastrophe getilgt hat, tun sie, was sie vorher getan haben: Mordpläne schmieden.

ANTONIO, Prosperos treuloser Bruder, stiftet auf der Insel den Bruder des Königs von Neapel an, seinen königlichen Bruder zu ermorden. So könne er selbst König von Napel werden und mit Antonio und seinem reichen Mailand als Vasall rechnen.

Inzwischen brüten die betrunkenen Diener ANTONIOS mit dem Erdgeist und Hexensohn CALIBAN, der auf der Insel herumgeistert, ein Mordkomplott gegen PROSPERO aus, um sich zu Herren des verzauberten Eilands zu machen. PROSPERO weiß alles über die Männer, weil er eben alles weiß, und schaut, verborgen in seiner Hütte, dem Treiben resigniert und ruhig zu. Erst als die betrunkenen Spießgesellen mit Messern und Lamentieren an seiner Hütte anrücken, in der sie ihn schlafend wähnen, packt PROSPERO der aufwallende Zorn. Jetzt könnte er seine Rache nehmen; weil er sie auf seiner Insel alle in der Hand hat. Aber er bezwingt seine zornige Natur:

„Obschon ihr Frevel tief ins Herz mir drang,
doch nehm ich gegen meine Wut Partei mit
meinem edlern Sinn: Der Tugend Übung ist höher als der Rache“

Er hat seine Natur gebildet, die anderen nicht. Als Herr der Geister ruft er ARIEL und allerlei Himmelsvolk herbei, um durch Singsang und tolle Luftgebilde die Männer zu verzaubern und in Wahnsinn erstarren zu lassen. Schließlich löst PROSPERO ihren Bann, gibt sich im Festgewand als der Herzog von Mailand zu erkennen - und verzichtet auf Strafe:

„Euch schlechter Herr, den Bruder nur zu n e n n e n
schon meinen Mund beflecken würde, erlaß ich
den ärgsten Fehltritt, und allen...“

Zum letzten Mal gebraucht PROSPERO den unbegrenzten Zauber des Dichters: sein ARIEL schafft das zerborstene Schiff, königlich aufgerüstet wie neu, für die Heimfahrt von allen herbei und PROSPERO verabschiedet freundlich.... Kurz zuvor hat er getan, was zum Sinn des Stückes führt: PROSPERO zerbricht seinen Zauberstab:

„Doch dieses grause Zaubern schwör ich ab!.. So brech ich meinen Stab, begrab ihn manche Klafter tief in der Erde; und tiefer als ein Senkblei je geforscht, will ich mein Buch ertränken!“

Was wird hier gesagt?

Der Dichter dichtet nicht mehr. Es hat keinen Sinn, weiter nachzudenken über die unverbesserliche Natur des Menschen. Der Dichter tritt ab. Das Experiment, in seiner Phantasie eine Konstellation zu schaffen, in der der Mensch durch heftige Lebens- erschütterung gebessert werden könnte, ist gescheitert. Die Menschen lassen sich nicht heranbilden zur besseren Einsicht. Rache lohnt nicht PROSPERO lässt die Unverbesserlichen ziehen - er lässt uns ziehen und bleiben wie wir sind.

Der Dichter SHAKESPEARE hat in den vielfältigsten Rollen- Erfindungen seines Lebens in einem wildbewegten Zeitalter die Ergebnislosigkeit erkannt, seine Hoffnung auf eine lebensfreundlicher geordnete Welt zu setzen. Diese Einsicht bringt er in seinem Abgesang von der Bühne zum Ausdruck:

„Unsere Spieler ...waren Geister und sind nun aufgelöst in dünne Luft.
Wie dieses Scheines lockrer Bau, so werden die ...Türme, die Paläste, die hehren Tempel, ja der große Ball und was dran teil hat, untergehn, spurlos vergehn.
Wir sind aus solchem Stoff, aus dem die Träume sind,
und dieses bischen Leben ist von Schlaf umfangen“

DER STURM ist SHAKESPEARES Vermächtnis, resigniert und pessimistisch. 400 Jahre alt und ziemlich modern: In einer ebenso wildbewegten Zeit, wie er sie erlebte, stehen wir in unserer Zeit ebenso unfähig da, uns an bessere Einsichten heranzuführen.
Bleiben wir von Schlaf umfangen?

1 Comments:

Blogger kronauer said...

Sehr geehrte Apolline,

nach dem Genuss der Sturm-Aufführung im Amphitheater des Römischen Gartens in Hamburg bin ich auf der Suche nach weiteren Quellen auf Ihren Kunstblog gestossen. Mein Kompliment für Ihre Ausführung bezüglich dieses herausragenden Stückes. Ihre Analyse, so scheint mir, eröffnet eine unverbrauchte Perspektive, die ich mit viel Vergnügen gelesen habe.
Mit bestem Dank,
R. Kronauer

7:21 nachm.  

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