Donnerstag, Oktober 16, 2008

JEFF KOONS (*1955) "Pink Panther“

Kitsch oder Kunst?




















Jeff Koons, Pink Panther 1988, Porzellan, 104 x 52 x 48cm

Die Frage: Kitsch oder Kunst? stellt sich nicht nur vor Bildern im Wohnzimmer, sondern auch vor Werken in großen Museen, von denen man glaubt, dass sie vor so einem Verdacht geschützt sind. Die hier vorgestellte Skulptur von JEFF KOONS ist vor der Frage nicht geschützt. Ist das Kunst – oder Kitsch? Die Empfindung von Kitsch kann der unbefangene Betrachter nicht abweisen, und er hat Recht damit...

Die Komposition setzt sich aus 3 Elementen der abgenutzten Trivial-Kultur zusammen: Der Comic-Figur DER ROSAROTE PANTHER, dem Anklang an den MARILYN-Typus und der Assoziation zu dem Motiv ‚LA BELLE ET LA BÊTE’. Alle drei Bausteine lassen sich erkennen, aber sie machen nicht die Wirkung der Skulptur aus.

Welche Wirkung hat sie?
Wenn sich eine Wirkung erfassen ließe, die die 3 banalen, emotional längst abgenutzten Bausteine der Skulptur zu einer neuen Aussage überhöhen würde, ließe sich auf eine Qualität von Kunst schließen. Dazu sollte man definieren können, was Kunst ausmacht; was ein Objekt zu Kunst macht. Diese Frage ist so schwierig, dass sie noch nie systematisch, für jedes ästhetische Objekt geltend, beantwortet wurde. Sie bleibt, wenn es sich nicht um Spitzenwerke der Kunst handelt, abhängig von Erfahrung und von Geschmack des individuellen Betrachters und kann nur vor jedem Einzelwerk von jedem selbst gestellt werden.

Man könnte es für das Objekt "Pink Panther" versuchen.
Die Wirkung eines Kunstwerks fließt aus 3 Richtungen zusammen: Aus Gehalt, Inhalt und Form des Werks.

Im Gehalt verbirgt sich der Anreiz, der den Künstler dazu verlockt hat, so ein Objekt zu gestalten, um damit den Anstoß einer Empfindung, die sein Inneres erlebt hat, mitzuteilen. Man könnte das auch die Botschaft nennen. Für den Inhalt wählt der Künstler einen Raum, eine Geschichte, eine Figur, in die er seinen inneren Anstoß einkleiden kann. Mit der Form gibt er seinem Inhalt die unverwechselbare Gestalt, die in der Lage ist, seinen inneren Anstoß anschaubar zu machen. So müsste man zuerst den Inhalt und die Form betrachten, um den Gehalt des Werkes ausfindig zu machen.

Der Inhalt der Skulptur, die ’Geschichte’, die Jeff Koons als Transportmittel für seine Empfindung wählt, ist leicht zu beschreiben: Der Rosarote Panther umfasst eine Mädchen-Figur; die beiden bilden ein Paar, das an ‚La Belle et La Bete’ erinnert.
Der Inhalt, die ‚Geschichte’, ist das Offensichtlichste eines Kunstwerks (- falls es eine hat, was in der Moderne nicht immer der Fall ist).Das aufschlussreichste Element eines Werks ist seine Form. Mit der Form verrät sich, was den Künstler zu seinem Werk gereizt und bewegt hat. Welche Form findet Jeff Koons für den Inhalt seiner Skulptur?

An erster Stelle fällt die hohe handwerkliche Qualität des Werks auf. Koons wählt eine für ein Porzellan-Objekt beachtliche Größe. Damit entgeht das Objekt dem Bereich des Nippes und erreicht eine merkwürdige Wichtigkeit, die sich dem Betrachter aufdrängt. Jedes Detail der fast lebensgroßen Porzellangruppe ist dabei so sorgfältig, plastisch und feinfühlig ausgearbeitet, dass ein Reiz zum Anfassen entsteht.

Oberflächenstruktur und Material
Die Rückenansicht des Mädchen- Körpers ist fein, wie lebendig, modelliert. Schatten- und Licht-Partien zeichnen und betonen die jugendlich aufrechte Haltung der Figur. Durch die Wahl des wertvollen Porzellan-Materials erhält die Hautoberfläche einen zarten, durchscheinenden Glanz, der die helle Schönheit der jungen Haut assoziiert. Die Körper-Behandlung der Mädchen-Figur ist der ästhetische Höhepunkt der Skulptur.
Die Verherrlichung der schönen Oberfläche verweist (neben den Motiv-Bausteinen) auf die stilistische Zugehörigkeit zur Popart.
Der körperliche Glanz der Figur lädt ein, berührt zu werden. Das tut das Panther-Tier mit linkischer Pfote. Dabei wird die Tierfigur mit ihrer Oberflächenbehandlung in ironischen Kontrast zu der Mädchenfigur gesetzt. Während der Mädchenkörper in der Anmut seiner
Erscheinung einen natürlichen Menschenkörper noch übertrifft, zeigt die Behandlung des Panthers die raue, punktierte Oberfläche einer Plastik- und Stoff-Figur (in Porzellan).

Was die Geste der linkischen Pfote und die erstaunte Mimik der Tierfigur inhaltlich zum Ausdruck bringen, vermittelt die formale Gestaltung mit der Kontrastierung von zwei verschiedenen Oberflächenwirkungen: Die Schönheit des natürlichen Körpers wird von der witzigen Künstlichkeit moderner Einfälle nicht eingeholt, sondern überstrahlt sie. Der Konfrontation von zwei Oberflächenqualitäten gelingt die Aussage, die nicht ausgespro-
chen werden braucht, sondern empfunden wird: Das Leuchten des Natürlichen gegen die Künstlichkeit.

Bau und Kontur der Skulptur
Der breite angeschnittene Hüft-Sockel der Mädchenfigur bildet die stabile Basis für die beiden Säulenartig zusammengefassten Figuren, die nur mit einer ganz leichten Gegendrehung der Köpfe aus der Säulenform austreten. Damit wird für die Gruppe der Umriss einer ruhigen geometrischen Form erreicht, die die gefährliche Dramatik des Motivs ‚La Belle et la Bête’ formal entschärft: das Schöne wird hier von dem Wilden nicht überwältigt, sondern scheint das Wilde gelassen zu ertragen.

Die Farbige Fassung der Skulptur
Der Zugehörigkeit zur Popart gemäß wird Farbe für die Skulptur mit offensichtlicher Freude eingesetzt, wobei die 3 einfachen Grundfarben: Blau, Rot, Gelb gewählt sind. Durch starke Auflichtung der 3 Grundfarben wird ein pastellbunter Farbklang erzielt, der formal den
Schmelz des Porzellans ins Süße erhöht, inhaltlich Harmlosigkeit signalisiert.

Trotzdem behält die Skulptur mit der Art ihrer Gestik den Anklang an das gefährliche Konfliktmotiv des Schönen und des Wilden. Koons degradiert zwar das Wilde zur Harmlosigkeit einer Comicfigur. Er fördert damit die Erhöhung seiner Schönen und nimmt dem Wilden die Macht. Aber er hütet sich, den Panther ganz zum Kuscheltier zu machen. Starrender Blick, Krallenpfote und Teufelschwanz weisen in den Bereich seiner Herkunft.
Koons nutzt seinen leisen Hinweis auf die wilde Herkunft, um seiner verspielten Skulptur einen Schub Glaubwürdigkeit zu geben. Die verletzende Polarität von Schönheit und Gewalt bleibt Grundgegebenheit der Welt.

Der Künstler scheint dem Motiv mit seiner Komposition eine veränderte Richtung gegeben zu haben. Er legt das Gewicht von Überwältigung auf Sieg: das Schöne ist in der Skulptur in seiner Helligkeit zu bewundern und ist unangreifbar von dem erstaunt zögernden Wilden, hier zur Comicfigur degradiert. In dieser sinnlichen übermütigen Empfindung scheint der Anstoß zu liegen, der den Künstler zu seiner Skulptur verlockt hat.
Er entlockt damit auch dem Betrachter eine muntere Zustimmung. Die Pantherfigur ist das Vehikel, das uns lachen lässt, aber wie ein Ausrufezeichen wirkt für die Möglichkeit des unproblematisierten Schönen in der schillernden Epoche der zeitgenössischen Kunst. Im Kunstwerk freuen wir uns hier an uns selbst und sind stolz auf unsere Gattung.

In einem Spiel mit 3 Motiven des Kitsch erzeugt die Skulptur durch eine leichtfüßige Bedeutung und perfektes Handwerk den Reiz eines ästhetischen Vergnügens. Das bedeutungsvolle ästhetische Vergnügen ist die Wirkung der Kunst. Kitsch oder Kunst?

Es wird plädiert für Kunst!

Diese Überlegungen zu der Skulptur Pink Panther betrachten das Einzelwerk und sein Gelingen. Sie sind in keiner Weise übertragbar auf andere Arbeiten von Koons.