Donnerstag, Oktober 16, 2008

WILHELM MÜLLER (1794 – 1827) "Der Lindenbaum"

Ein verborgener Schrecken






















Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum
Ich träumt in seinem Schatten
So manchen süßen Traum
Ich schnitt in seine Rinde
so manches liebes Wort
Es zog in Freud und Leide
|: Zu ihm mich immer fort :|

Ich mußt auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht
Da hab ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht
Und seine Zweige rauschten
Als riefen sie mir zu:
"Komm her zu mir, Geselle
|: Hier findst du deine Ruh :|

Die kalten Winde bliesen
Mir grad ins Angesicht
Der Hut flog mir vom Kopfe
Ich wendete mich nicht
Nun bin ich manche Stunde
Entfernt von diesem Ort
Und immer hör ich's rauschen:
|: "Du fändest Ruhe dort :|


Jedes Kind hat es mal gekannt und jeder Gesangverein hat es gesungen. Vertont, ist das Gedicht zu einem Volkslied geworden, das gerne angestimmt wird, wenn die Stimmung gemütlich geworden ist und man auf viele Mitsinger rechnen kann.

Es ist kein Volkslied
Ein Wilhelm Müller hat es vor etwa 200 Jahren gedichtet und es ist nicht so harmlos, wie es klingt. Gedichte haben die Eigenart, in Bildern, Metaphern, zu sprechen und hinter jeder Metapher kann eine Bedeutung stecken, die einen anderen oder tieferen Sinn hat als das Wort selbst.

Das Lied vom Lindenbaum hat solche Metaphern, die zum Hintergrund eines Wortes führen. Sie stehen, bedeutsam, bereits in den ersten 2 Zeilen des Gedichts: „Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum“. Alle 3 auftretenden Substantive sind Metaphern mit einer weiterführenden Bedeutung.

Erste Metapher: Der Brunnen
Ein Brunnen ist eine Tiefenbohrung in die Erde, wo unterirdisches Wasser steht und rauscht. Der Brunnen ist ein uraltes Bild für das Untergründige, das Leben Heraufbringende und auch wieder Zurücknehmende, von allem, was hineinfällt. Schon im Gilgamesch - Epos der Sumerer schnappt die Schlange das Lebenskraut, welches Gilgamesch auf den Brunnenrand gelegt hat, und verschwindet damit blitzschnell in die Tiefe des Brunnenwassers. Der Brunnen als Zugang in eine untere Welt.

Zweite Metapher: Vor dem Tore
Im Gedicht steht der Brunnen vor dem Tor der Stadt, also außerhalb der Zivilisation, die sich der Mensch zum Schutz erbaut hat. Der Brunnen steht draußen im Unbebauten, Einsamen, der Natur zugehörigen, ungeschützten Bereich.

Dritte Metapher: Der Lindenbaum
Ein altes Bild für den Baum der Menschennähe. Siegfried fiel beim Baden unter dem Linden- Baum ein Blatt auf die Schulter, mit weit reichenden Folgen. HEINRICH HEINE dichtet: „Wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein…unter Palmen in dem Süden, unter Linden an dem Rhein?“ Unter dem Lindenbaum versammelte sich am Abend die Dorfgemeinschaft. Der Lindenbaum als Vertrauter.

Die 3 Eingangs-Metaphern beschreiben den etwas unheimlichen Raum, in dem die Handlung des Gedichtes abläuft. Von allen Details des Gedichts bleibt vor allem dieser Dreiklang in Erinnerung: Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum. Die hohe Einprägsamkeit deutet auf die Qualität dieser vom Dichter gefundenen Bild-Komposition hin. Eine gleiche Qualität besitzen die 6 folgenden Zeilen nicht: zu oft haben die Romantischen Dichter die süßen Träume, im Schatten, bedichtet und verliebte Männer die Namen ihrer Mädchen in Rinden schneiden lassen. Das ist blasse Konvention.

Aber in der dritten Strophe findet der Dichter wieder einen eigenen Klang, der nun beunruhigend wird. Auf einmal ist es offenbar tiefe Nacht, während zu Beginn süßer Schatten beschrieben wird. Der Wanderer muss nun wandern statt zu ruhen. Warum er das muss, erfährt man nicht. Man erfährt auch nicht, warum er das gerade heute muss und in tiefer Nacht. Er wandert „vorbei“ am Lindenbaum und es folgen die beiden schlichtesten und wohl anrührendsten Zeilen des Gedichts: „Da hab’ ich noch im Dunkel die Augen zugemacht“

Warum macht er vor dem Lindenbaum die Augen zu? Warum will er diesen Anblick unbedingt vermeiden, den er doch früher immer freudig aufgesucht hat? Der Dichter macht zwei Andeutungen:

Zum einen: Die Zeiten scheinen sich geändert zu haben. Statt träumerischem Sommerschatten umgibt den Wanderer jetzt tiefe Nacht.
Zum zweiten: Der Wanderer meint im Rauschen des Baums eine Stimme zu hören, die ihn mit einem Versprechen zu sich ziehen will:

„Komm her zu mir, Geselle.“

Gerade diesem Versprechen will er sich offenbar mit aller Kraft entziehen. Der Wind bläst ihm ins Gesicht und reißt ihm sogar den Hut vom Kopf - der Hut als Metapher des Schutzes, des „Behütetseins“. Der Wanderer widersteht. „Ich wendete mich nicht“. Er schaut sich nicht mal um nach seinem Hut, um ihn wiederzugewinnen. Der Wanderer stellt sich ohne zurückzuschauen dem scharfen Wind des Lebens entgegen.

Hier liegt die Lösung für das unheimliche Versprechen des Lindenbaums: „Seine Ruhe finden“, bedeutet gegenüber der rauschenden Kraft des Lebens den Tod; - obwohl endlich Ruhe zu finden eine Verlockung bleibt.

Der Wanderer entkommt dem lockenden Versprechen des Lindenbaums, ins Leben. „Manche Stunde entfernt“ von dem Erlebnis mit dem Lindenbaum, wo er sich vom träumenden Jüngling zum lebensfähigen Mann durchgekämpft hat, bleibt in seinem Inneren die Verlockung wach: “Du fändest Ruhe dort“. Es ist die endgültige Ruhe, mit der der Lebensstrom – vertreten durch den Brunnen aus der unteren Welt, der den Lindenbaum in der oberen Welt mit seinen Wassern ernährt – den abgekämpften Menschen endlich wieder aufnimmt. Der Tod als Verlockung, der man mit der Kraft eines tätigen Lebens widerstehen muss. Das ist das verborgene Bild des Gedichtes vom Lindenbaum.

Die Qualität des Gedichtes, das nicht ohne Mängel ist, besteht darin, dass es seine harte Botschaft fein verhüllt ausspricht. Man kann es deshalb in gemütlicher Runde gemeinsam singen, ohne auf seinen Schrecken gestoßen zu werden. Nur die Wehmut, die man beim Lied vom Lindenbaum spürt, verrät eine Spur von dem zugrunde liegenden Gedanken.

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