Mittwoch, Oktober 11, 2017

EINE OFFENE FRAGE in einem Gedicht von GOTTFRIED KELLER (1819 – 1890)



Es ist die Überschrift, die auf das Gedicht aufmerksam macht. 
Was ist denn ein „milchjunger Knabe“?

     
          Du milchjunger Knabe
          
          Du milchjunger Knabe,
          Wie siehst du mich an?
          Was haben deine Augen
          Für eine Frage getan!

          Alle Ratsherrn in der Stadt

          Und alle Weisen der Welt
          Bleiben stumm auf die Frage,
          Die deine Augen gestellt!

          Ein leeres Schneckhäusel,

          Schau, liegt dort im Gras;
          Da halte dein Ohr dran,
          Drin brümmelt dir was!

Eigentlich versteht man das Wort „milchjung“ sofort. Aber man hat es vorher noch nie gehört. 
Man merkt, der Dichter hat es erfunden, um ein Kindergesicht zu beschreiben, dessen Blick ihn wohl überraschend getroffen hat. 
Ein Kind ist es offenbar nicht mehr. Es ist ein Knabe. Im Leser entsteht das Bild eines hellen Knabengesichts vor der Pubertät. Die Haut ist noch blank und weich, ohne ersten Flaum – „milchjung“. Das Bestimmende scheinen im Gesicht die AUGEN zu sein, die etwas fragen. 

Diese Frage in den Augen beschäftigt den Dichter. Und bald wird sie auch den Leser beschäftigen.

Zunächst soll aber die Form des Gedichtchens betrachtet werden.  
Es ist ein kleines Gedicht mit einer einfachen Form aus drei gleich gebauten vierzeiligen Strophen mit je einem Reim in der zweiten und vierten Strophenzeile.

Diese einfache Form ist in der deutschen Lyrik häufig. Sie wird bei Volksliedern und allerlei Liebesliedern gern verwendet.

Die Form liest sich leicht, nichts hindert oder bremst den Lesefluss. 
– Das ist nicht unbedingt ein Vorzug für ein Gedicht. 
Aber in diesem Gedicht entspricht die einfache Form genau seinem Helden, einem Kind; dem milchjungen Knaben. 
Der Dichter KELLER versteht es spielend, die Entsprechung von Form und Inhalt zu nutzen und die Form zu einer Aussage zu machen: Kleiner Held – kleine Form.

In den Strophen fällt ein Fehlen von Fragezeichen auf, obwohl die erste Strophe eindeutig eine Frage ist! Stattdessen steht am Ende aller drei Strophen ein Ausrufezeichen! Für den Dichter scheint nichts fraglich zu sein im Gedicht. Er ist sich – mit dreimaligem Nachdruck durch ein Ausrufezeichen! - seiner Antwort für den Knaben sicher: er empfiehlt ihm, auf ein ‚Brümmeln‘ zu horchen! Dann verspricht er ihm noch – durch das hochgemute Ausrufezeichen dahinter! –, dass er im Brümmeln etwas passendes für sich finden wird ...

Als Prosaschriftsteller und Lyriker forderte GOTTFRIED KELLER eine Erzählkunst der Natürlichkeit; einfach, genau, bildhaft. 
In seinem Meisterwerk „Der grüne Heinrich“ spricht er einmal davon, dass die Sprache seiner Zeit immer abstrakter werde – so abstrakt, dass der Dichter sie nicht mehr gebrauchen könne. Dichter müssen sich selbst ihre Sprache machen.

In dem kleinen Gedicht mit drei Strophen macht KELLER vor, was er meint. In jeder Strophe bietet er dem Leser ein kleines deutliches Bild.

In die erste Strophe stellt er die fragenden Kinderaugen. 
In die zweite Strophe stellt er bereits sein Urteil: Auf die Frage in den Augen haben weder Regierende noch Denker eine Antwort.

An der zweiten Strophe fällt auf: Mit Nachdruck steigert der Dichter hier die Frage der Kinderaugen in eine Wichtigkeit hinein, die überrascht. Die Frage in den Kinderaugen scheint so bedeutend zu sein, dass sie von höchsten Instanzen nicht zu beantworten ist; nicht von Ratsherren, nicht von allen Gelehrten der Welt.  


Im Umkreis von Ratsherren stand GOTTFRIED KELLER, der Dichter selbst. Er wurde 15 Jahre lang zum Staatsschreiber des Kantons und der Stadt ZÜRICH gewählt (1861 – 1876), welches Amt hohes diplomatisches Geschick und Gewissenhaftigkeit erforderte. Er bewältigte das Amt mit Bravour. 
Erst gegen Ende seiner beamteten Laufbahn wurde er wieder Dichter. In dieser Zeit fiel ihm das obige kleine Gedicht ein.

Versteht der Dichter die Frage in den Kinderaugen? Beantwortet er sie?

Nein und Ja. In der dritten und letzten Strophe erscheint ein Bild, mit dem der Dichter GOTTFRIED KELLER seine Antwort gibt. Der Leser bleibt gespannt.

KELLER antwortet auf die Frage der Kinderaugen mit dem Bild vom Schneckenhäuschen. „Da halte dein Ohr dran, drin brümmelt dir was!“

Ein Schneckenhaus kann nicht antworten, nicht sprechen! Der Leser lächelt. - Aber ganz im Untergrund seiner Erinnerungen findet er vielleicht eine Bemerkung von Erwachsenen, die früher gesagt hatten: „Horch mal an dem Schneckenhaus! Es rauscht!“

Das ist richtig. Ein Schneckenhaus rauscht. In einer Schneckenform stößt sich jede eingehende Schallwelle von einer Kurve des Schneckengangs zur nächsten so, dass helle Töne am Eingang der Schnecke bis zum Zentrum der Schnecke in dunkle Töne umgewandelt sind. Die Mischung der Töne macht das „Rauschen“. 
Der Dichter KELLER findet dafür sein Wort: es „brümmelt“ im Schneckenhaus.

Was ist „Brümmeln“? Es klingt wie das Brummen einer Hummel oder eines Insekts; ein Naturlaut oder eine Kindersprache. 
Es ist die Stimme der Natur!      In ihr lassen sich offenbar Antworten finden!

So muss man GOTTFRIED KELLER wohl verstehen. Zu diesem Verständnis der der Natur hatte ihn seine Lebensentwicklung geführt.

Der Dichter hatte vom Kind bis zum Erwachsenen einen wechselvollen Weg seiner Weltsicht durchlaufen. 
Als Kind hatte er, mit Maleraugen begabt, seine Umgebung in Farben und Formen eingesogen wie prachtvolle Bilder voller Geheimnisse und - von der Mutter bestärkt - einen ehrfürchtigen Glauben an Gott gespürt als den Schöpfer dieser schönen Dinge. 
Als armer Stipendiat und Student in Heidelberg war er dann in den Umkreis des Philosophen LUDWIG FEUERBACH (1804 – 1872) geraten. Dieser predigte den aufkommenden Materialismus des 19. Jahrhunderts so logisch, dass KELLER seinen Gott als Person für immer verlor. 
Dafür bekräftigte FEUERBACH in ihm die glühende Liebe zur Schönheit der Erde und zu der Einmaligkeit unseres Lebens in der Welt. 

          Doch noch wandl` ich auf dem Abendfeld, 
          Nur dem sinkenden Gestirn gesellt; 
          Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, 
          Von dem goldnen Überfluss der Welt

(Nicht Jeder mag sich mit GOTTFRIED KELLERS Werk beschäftigen. Aber jeder bemerkt wohl allein an der obigen Strophe die hohe Qualität des Dichters KELLER.)  


GOTTFRIED KELLERS familiäre Wurzeln lagen in einer dörflichen Gegend am Rand des Kantons Zürich. 
Er selbst wurde zwar in der winkligen ärmeren Altstadt von ZÜRICH geboren, suchte aber nach dem frühen Tod des begabten Vaters dessen Dörfchen und die freie Natur oft auf und behandelte und überwand seine frühen und später großen Probleme durch eigensinniges Betrachten und Eintauchen in alle Feinheiten der Naturerscheinungen.

Aus der Natur gewann er seine Art von Erkenntnis und Beruhigung in schwierigen Lebensfragen.

(„Die kühle erfrischende Luft atmend schlief ich sozusagen an der Brust der gewaltigen Natur ein“) 
so empfiehlt er auch dem Knaben die Natur:
“Ein leeres Schneckhäusel, Schau, liegt dort im Gras! Da halte dein Ohr dran!...“

In einer früheren Fassung des Gedichts hatte KELLER gereimt: „Ein leeres Schneckhäusel liegt auf dem Schrank deiner Bas‘, und hatte sich dann korrigiert: “… liegt dort im Gras“. Der Dichter KELLER tauschte den Schrank gegen das Gras – das Unbelebte gegen ein lebendes Stück Natur als Bett für das Schneckenhaus. 
Von einer Antwort auf seine Fragen, die man im Schneckenhaus hören könne, spricht KELLER nicht. Er spricht von BRÜMMELN, einem Gemisch von undefinierbaren Lauten.
Das Wort ist gefärbt vom Schweizer Dialekt und erregt wegen seiner Ungewöhnlichkeit die Neugier des Lesers: Was kann man denn aus einem 'Brümmeln‘ erfahren? Wie heißt denn die Frage, auf die man aus einem Brümmeln eine Antwort finden könnte, auf die kein Gelehrter der Welt antworten kann? Um welche außerordentliche Frage könnte es sich denn handeln?

Ist es die unlösbare Frage nach unserer Existenz?: WOHER, WOHIN, WOZU?

So erscheint es; denn die Frage, WOHER wir kommen, WOZU wir da sind, WOHIN wir gehen, hat wirklich noch niemand beantwortet und wird es auch nie jemand können.

Das ist wohl die Frage, die KELLER in den Kinderaugen gesehen hat: 
„Was soll ich hier? WOZU?“ Das ist die offen bleibende Frage des Gedichts.

Es ist der Charme des Gedichts, dass der alternde Dichter, der im Staatsdienst hohe Anerkennung erworben hat, von zwei Kinderaugen erstaunt wird: 
„Was haben deine Augen für eine Frage getan!“ 

Spürt er eine Neigung zu dem Kind? Hätte er gerne selbst so ein Kind? Entbehrt er es? 
KELLER war nie verheiratet und hatte keine Kinder. Keine der Frauen, denen er tiefe Liebe entgegengebracht hat, hat er je für eine feste Bindung gewinnen können und er klagt es bitter:

          „Gott, was hab ich denn getan, 
          dass ich ohne Lenzgespann, 
          Ohne eine süßen Kuss, 
          Ungeliebet sterben muss?“

Der Schmerz, ohne eine feste Lebensverbindung geblieben zu sein, war ein Schmerz seines Lebens. KELLER nahm seine Abendessen im Wirtshaus ein, ging zu Bett und verbrachte die Tage im Amt mit gewissenhafter Arbeit als hochgeachteter Staatsschreiber.

Das war nicht immer so. Seine jungen Jahre waren gefüllt mit Sauf-und Rauflustigkeit, Freiheitsdisputen in gleichgesinnten Freundeskreisen während der politisch heißen Jahre des Vormärz und der freiheitlichen Bewegungen in der Schweiz wie in Deutschland. 
KELLER war lange ziellos in seinen Berufsvorstellungen und machte damit seiner in ihren Mitteln sehr beschränkten Mutter jahrzehntelang größte Sorgen. 

Das steht alles im „Grünen Heinrich“.

Aber es führte doch zu einem guten Ende seiner Laufbahn; durch Gönner, die seine leidenschaftlich freiheitliche Gesinnung schätzten. 
Aus einem Taugenichts der Schweiz wurde ihr bester Staatsdiener und die Mutter erlebte noch seine Sicherung in einem allseits geachteten Beruf. 

„Ich habe mich zu einem bewussten und besonnenen Menschen herangebildet.“

Nur für seine LIEBES-Beziehungen erreichte er keine Lösungen. Vielleicht hemmten persönliche Mängel. (Eine hochverehrte Dame schrieb über ihn an eine Freundin: “Er hat sehr kurze kleine Beine, Schade! Denn sein Kopf wäre nicht übel, besonders zeichnet sich die außerordentlich hohe Stirn aus.“) Vielleicht hemmte auch eine starke Bindung an die Mutter ...

Es blieb bei der Ehe- und Kinderlosigkeit. Hat ihn dieser Mangel zu der feinsinnigen Beobachtung des Knaben geführt, die zu dem kleinen Gedicht von KELLER wurde? 
Vielleicht.

Vielleicht ist das Gedicht auch der energische Hinweis auf seine Lebensüberzeugung: Es gibt für uns nichts zu wissen als das Sichtbare, Anfassbare, Hörbare, das die Natur uns bietet. Das ist so schön, dass es ausreicht, um begeistert zu leben. – Auch wenn danach nichts mehr kommt.

Alles, was wir uns über die Natur hinaus ausdenken, ist nach Ansicht des Dichters GOTTFRIED KELLER reine – wahrscheinlich unwahre – Spekulation.

War die Frage der Kinderaugen auch GOTTFRIED KELLERS eigene geheime Frage?: WOZU sind wir hier?

Der Dichter hat seine Antwort auf diese Frage gefunden: 
„Trinkt, o Augen, was die Wimper hält von dem goldnen Überfluss der Welt!“ 
Mehr bleibt uns für ein schönes Leben nicht übrig.